Journalismus? Was ist das?
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Guten Tag!
Heddesheim, 10. Februar 2010. Der Kommentar “Kein “Kinderlachen” für das heddesheimblog” regt auf. Oder regt sein Inhalt auf? Welcher? Der dargestellte oder wie die Darstellung eingeordnet wird? Oder dass überhaupt dargestellt und eingeordnet, also berichtet wird? Oder eine “Darstellung”, die nicht so ist, wie “man das will”? Und wer hat was davon? Und wer regt sich auf? Das sind viele Fragen – die alle mit Journalismus zu tun haben.
Von Hardy Prothmann
Mitte August 2009 sprach mich vor dem Edeka-Markt in Heddesheim eine ältere Dame an und sagte: “Herr Prothmann, ich versuche ja mit der Zeit zu gehen und bin im Internet. Und ich lese jeden Tag interessiert Ihr heddesheimblog. Ihr letzter Kommentar war, wie soll ich das sagen, ganz schön heftig. Dürfen Sie das so schreiben, wie Sie das geschrieben haben? Im Mannheimer Morgen gibt es auch Kommentare, aber die sind nicht so heftig wie Ihre.”
Die Dame benannte diesen Kommentar: High Noon in Heddesheim – Ist dieser Bürgermeister noch zu halten?
Ich habe mit der Dame daraufhin ein langes Gespräch geführt und ihr erklärt, warum ich einen Kommentar so schreiben “darf”. Und was, und warum und wie ich es geschrieben habe.
Die W-Fragen und das Interesse
Was, wann, wo, wer, wie und warum? Diese Fragen sind die “Grundausrüstung” für Journalismus. Aber auch für die Polizei, für die Feuerwehr, für Krisenmanager, für Wissenschaftler, für Politiker. Eigentlich für alle Menschen, die sich berufsmäßig für was auch immer interessieren müssen.
Genau darum geht es im Journalismus. Um das Interesse.
Inter-esse ist lateinisch und heißt ungefähr: Dazwischen (inter) sein (esse).
Die Geschichte der Menschheit ist gleichzeitig die Geschichte des “Journalismus“. Angefangen bei den Höhlenmalereien über die Erfindung des Buchdrucks bis hin zum Internet. “Jour” ist das französische Wort für Tag. Im Journalismus geht es ums “Tagesgeschäft”, über das berichtet wird.
Was ist passiert? Worüber reden die Menschen? Was betrifft die Menschen? Was müssen/sollten sie wissen?
Journalismus ist die professionelle Umsetzung des Alltags in Informationen, ob in Text, Bild oder Ton.
Tiere – Titten – Tote
Die “Bild” übersetzt Alltag mit TTT. Tiere-Titten-Tote. Diese Themen liebt das Boulevardblatt – weil die Leser sie lieben und die Zeitung kaufen.
Die FAZ kommt konservativer daher und hat dahingehend beste Beziehungen zur Wirtschaft und Politik. Dort wird die Zeitung geliebt, weil sie so staatstragend daherkommt und überwiegend auf TTT verzichtet.
Die Süddeutsche Zeitung ist da vielseitiger und hat die FAZ längst bei der Auflage deutlich wiederholt. Die Berliner taz ist unter den überregionalen Zeitungen die bissigste und gilt als verkappte Journalistenschule. Viele frühere “tazler” haben später woanders Karriere gemacht. Die tagesschau ist scheinbar neutraler.
Das öffentlich-rechtliche SWR3 und der Privatsender RPR konkurrieren um den Hörermarkt. Ihre Information: Unterhaltung und gute Laune. Radio ist ein sehr emotionales Medium. Deswegen hat das öffentlich-rechtliche Deutschlandradio auch vergleichsweise wenige Hörer: Es ist zwar das “journalistisch” mit Abstand informativste Radio von allen was “wichtige” Nachrichten und Hintergründe angeht – aber es ist anstrengend.
Guter oder schlechter Journalismus
ist eine moralische Unterscheidung
Damit sind wir mitten im Thema. Was ist Journalismus? Was ist “guter” und was ist “schlechter” Journalismus?
Die erste Antwort: “Gut” oder “schlecht” sind moralische Fragen, die nur jeweils moralisch beantwortet werden können.
Gut oder schlecht lässt sich aber relativ einfach in zutreffend oder nicht-zutreffend übersetzen. “Gut” wäre demnach “zutreffend” und “schlecht” wäre “nicht-zutreffend”.
Die Bild-Zeitung berichtet häufig “nicht-zutreffend”, also “schlecht”. Trotzdem oder gerade deswegen ist sie die nach Auflage “größte” und erfolgreichste Tageszeitung Europas.
TTT – Tiere-Titten-Tote sind das Erfolgsrezept der Boulevard-Zeitung, die jeder “wichtige” Mensch, angefangen von der Kanzlerin bis hin zum “Volk” jeden Tag als erstes liest.
Denn, was in der Bild steht, findet statt. Es ist Tagesthema. Der Bild gelingen auch immer wieder geniale Schlagzeilen, beispielsweise: “Wir sind Papst!”
Ebenfalls zum Axel-Springer-Verlag gehört die Zeitung “Die Welt” – ein überwiegend anerkannt seriöses Blatt. Beide Zeitungen bedienen unterschiedliche Zielgruppen und damit Märkte.
Journalismus ist also auch eine Form der Wirtschaft und betreibt Wertschöpfung. Die Ausgangsmaterialien sind Informationen, die zu neuen Informationen zusammengefügt und “verpackt” werden: Als TV- oder Hörfunksendung, als Printprodukt oder als elektronisch verteilte Information im Internet.
Was muss, kann, sollte berichtet werden? Und vor allem wie?
Außer TTT gibt es die Liebe, die Menschenrechte, den Fußball, die Diät, die Schule, den Verein, die Finanzanlage und noch viele andere Themen mehr.
Was, wann, wo, wie, wer und warum? Ohne Journalismus wüssten wir alle nur wenig von dem, was um uns herum passiert.
Aber es gibt ganz bewusst kein Gesetz, dass vorschreibt, wie, wann in welchem Umfang worüber berichtet wird. Daraus ergibt sich die Medienvielfalt mit ihren unterschiedlichsten Angeboten.
Länder ohne Pressefreiheit, also ohne Journalismus, sind meist primitive Kulturen oder Diktaturen. Meist beides.
Denn Journalismus ist eine demokratische Dienstleistung und erfüllt in einer Demokratie eine wichtige Aufgabe: Journalismus übt durch die “Veröffentlichung” Kontrolle aus. Das bekannteste Beispiel dürfte die “Watergate“-Affäre sein, die Präsident Nixon zum Rücktritt zwang. Zwei Journalisten hatten durch die Hilfe eines “Informanten” den politischen Skandal öffentlich gemacht.
Journalismus hat also eine “Wächterfunktion”.
Vergleichbar mit der eines Steuerberaters: Es wird “Buch geführt”. Über Einnahmen und Ausgaben.
Vergleichbar mit der Polizeiarbeit: Es wird ermittelt.
Vergleichbar mit dem Gericht: Es wird aber be- und nicht gerichtet. Es wird nicht ver- aber geurteilt.
Vergleichbar mit einem Kaffeekranz oder Stammtisch: Es wird über vieles geschwätzt.
Meinungsfreiheit ist eine Grundvoraussetzung für Demokratie
Und das ist mit dem Artikel 5 in unserem Grundgesetzes verankert: Alle Menschen in Deutschland dürfen eine Meinung haben und diese öffentlich äußern. Eine Zensur von staatlicher Seite findet nicht statt.
Öffentlichkeit ist der Kern einer jeden Demokratie. Auch wenn das nicht jedem passt und es manchmal schwerfällt andere Meinungen auszuhalten: Rechtsradikale dürfen schreiben: Ausländer raus Linksradikale dürfen meinen: Soldaten sind Mörder.” Beides sind extreme Äußerungen und bewegen sich am äußersten Rand, aber eben noch im Bereich des Zulässigen.
Nicht erlaubt sind Diffamierungen oder Beleidigungen oder falsche Tatsachenbehauptungen – Journalismus muss sich hier wie alle an Recht und Gesetz halten.
Journalismus ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Denn Journalismus beeinflusst wie die PR, wie die Politik, wie die Werbung oder Lobbyismus oder unser aller Tun in vielfältigen Funktionen die Öffentlichkeit.
Mit Meinungen, mit Fakten, mit Emotionen. Mit “schönen” Geschichten, aber auch mit den weniger schönen Geschichten des Alltags.
Öffentlichkeit ist ein hohes Gut. Sie schafft transparente Märkte, Werbung für Produkte, politische Debatten, kulturellen Austausch, sportlichen Wettkampf und: Bildung.
Deshalb ist eine “positive” Öffentlichkeit den meisten Menschen und Unternehmen wichtig – denn die bringt Erfolg. Geschäftlich, politisch, persönlich, kulturell und sportlich.
Journalismus ist ein Informationsangebot
Es gibt kein Gesetz, was Journalismus ist oder sein sollte. Es gibt den Artikel 5 und es gibt in den Bundesländern “Pressegesetze“. Danach sind staatliche Behörden und Institutionen verpflichtet, Journalisten Auskünfte zu erteilen. Das ist wichtig, sonst könnte über das “Öffentliche”, also die Ämter, die durch die Steuerzahler bezahlt werden, nicht berichtet werden.
Und börsennotierte Unternehmen müssen ihrer Veröffentlichungspflicht nachkommen.
Sonst ist niemand verpflichtet, Journalisten eine Information zu geben. Weder ein Geschäftsführer, noch ein Sportler, noch ein Künstler und schon gar nicht ein Privatmensch. Umgekehrt gibt es auch keine Pflicht für Journalisten, irgendetwas zu veröffentlichen oder so, wie das jemand möchte. Bürger können aus vielen Informationsangeboten wählen und sich informieren, sie müssen aber nicht.
Trotzdem erscheinen jeden Tag hunderte von Zeitungen, jeden Monat tausende von (Fach-)Zeitschriften, es gibt hunderte Radio- und Fernsehsender in Deutschland. Hinzu kommt das Internet – das neue Medium, das sind mit rasender Geschwindigkeit zum weltweiten Hauptmedium entwickelt, wenn es das nicht schon bereits ist.
Das Internet ist ein hochgradig demokratisches Medium, denn es erlaubt eine einfache und grenzenlose Veröffentlichung von Meinungen durch jeden Bürger – außer in Diktaturen wie dem Iran beispielsweise.
Für den oben genannten “heftigen” Kommentar hätte ich dort mit harten Strafen rechnen müssen. In unserem Land nicht. Hier dürfen ich und jeder andere das grundsätzlich und im Speziellen, wenn zutreffende Tatsachen berichtet und Meinungen geäußert werden.
Der Bürgermeister ist immer noch im Amt und ich in Freiheit. Auch wenn das eine oder das andere dem einen oder anderen nicht passt.






Warum gelange ich nicht auf den High Noon, wenn ich oben auf den Link hinter der älteren Dame klicke? Ist dies ein technischer Fehler? Oder ist der Kommentar nicht zu halten gewesen?
Guten Tag!
Danke für den Hinweis. War ein technischer Fehler.
Sie können den Kommentar jetzt aufrufen – Sie hätten aber auch die Suche benutzen können.
Einen schönen Tag wünscht
Das heddesheimblog
P.S. Bislang mussten wir noch keine Text löschen – ist Ihnen das schon mal passiert?
Hat Heinrich Göbel im gleichen Maße die Glühbirne erfunden wie das heddesheimblog den Lokaljournalismus? Warum sind Belehrungen so quälend lang?
Guten Tag Herr Wlokas!
Hm. Die erste Frage erstaunt uns: Das Wort “Lokaljournalismus” steht kein einziges Mal in unserem Text. Folglich können wir auch nur schwer behauptet haben, dass wir das “Patent” dafür gefunden hätten. Haben Sie es bei myheimat gefunden?
Als Hermeneutiker vermute ich aber eine Frage hinter der Frage oder den Autoren in der Frage.
Damit sind wir bei Ihrer zweiten Frage.
Was quält sie? Zu lesen, wie Journalismus funktioniert oder die Erkenntnis, dass sie seit Jahrzehnten etwas Anderes machen, aber so tun, als machten Sie das, was Sie hier lesen?
Ist es das, was Sie quält? Die Selbsterkenntnis?
Vielleicht sollten Sie mit Herrn Dr. Doll eine Brieffreundschaft beginnen. Der stellt auch seltsame Thesen auf.
Einen schönen Tag wünscht
Das heddesheimblog
Ich sehe keine Belehrung, sondern eine Stellungnahme und die lässt keine Fragen offen.