Gabis Kolumne: Was eine “Halbjahresinformation” bedeutet
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Guten Tag!
Heddesheim, 01. Februar 2010. Am Mittwoch gibt es die “Halbjahresinformation”. Früher hieß das “Zeugnis”. Wie es auch heißt – die Noten zeigen, ob die Kinder “auf dem richtigen Weg” sind. Doch welcher ist das?, fragt sich Gabi, die auch nicht immer auf dem aus Sicht der eigenen Eltern “besten Weg” war.
Dieser Tage saß ich mit meinen Freundinnen bei einer Tasse Kaffee und wir diskutierten unsere Köpfe heiß. Um was es ging? Um die sogenannte „Halbjahresinformation“.
Und wie mein Sohn mir erklärte, hat die auch rein gar nichts mit einem Zeugnis zu tun.
Denn, wie der Name schon sagt, wird man als Eltern sozusagen über einen Zwischenstand informiert. Quasi wie die Halbzeit beim Fußballspiel. Was ja, wie wir alle wissen, nichts mit dem Endergebnis zu tun hat. Wobei eine 4 in der Halbzeit selten zu einer 1 im Endergebnis werden wird, genauso wenig wie ein 6:0 selten zu einem 6:10 gedreht werden kann – und ich bin bei Gott kein Fußballexperte.
Gut – noch schaue ich gelassen dem kommenden Mittwoch entgegen. Einer meiner Freundinnen ging es da schlechter: Ihr Sohn hatte seinen Halbzeitstand schon bekommen und dementsprechend war ihr Gemütszustand – alles andere als bestens.
Das Ergebnis zählt.
Sie erzählt, dass eine ihrer Freundinnen vom Psychologen zu hören bekam: „Das sind nicht Ihre Noten. Sie haben ihren Schulabschluss schon gemacht. Die Kinder müssen ihren eigenen Ehrgeiz entwickeln.“
Soweit so gut. Aber was tun, wenn der Ehrgeiz nicht von alleine kommt? Sollen wir unsere Kinder einfach auflaufen lassen?
„Also, als erstes geht erst mal die Playstation auf den Speicher“, sagte meine Freundin. Wir anderen nickten zustimmend. Das war eine klare Maßnahme und würde sicherlich wirken.
„Schränke doch seinen Kontakt mit der Freundin ein. Das trifft ihn bestimmt“, schlug eine der Frauen vor. „Das sollte vielleicht eher mein Mann machen, sonst sieht es nach Aktion eifersüchtige Mutter aus“, gab eine andere Freundin zu bedenken.
„Also ich habe bei meiner Tochter die besten Erfahrungen mit einer Mathe-Nachhilfeschule in den Ferien gemacht“, warf eine dritte Freundin ein.
Es durchzuckte uns wie ein Blitz. Ja, das sah wirklich nicht nach Spaßprogramm aus und schien, wie das Ergebnis zeigte, sehr erfolgversprechend aus. Aber konnten wir das unseren armen Schulreform-geplagten Kindern wirklich antun? Vier Wochen täglich vier Stunden Mathe in den Sommerferien? Und wer kann sich das schon leisten?
„Wenn ich mich erinnere, wie schlecht ich in der 7. Klasse war, und in der 8. Klasse hat nicht viel gefehlt und ich wäre sitzengeblieben, habe ich hintenraus doch noch ganz gut abgeschnitten“, erinnerte ich mich.
Aber wir hatten das Glück der reformierten Oberstufe, fast alles, was uns nicht passte, konnten wir abwählen.
Haben sich unsere Eltern so um die Schule gekümmert, wie wir das heute tun? “Nein, mein Vater hat mich ab und an in Latein abgehört, was ganz schrecklich war, und meine Mutter in Französisch, das war schon alles“, erzählt eine Freundin.
Aber haben wir unsere Kinder nicht gepampert von Anfang an? Waren wir nicht im Kinderturnen, haben unzählige Bastelnachmittage, Elternabende und Lehrergespräche über uns ergehen lassen? Wie können wir sie jetzt mitten in der Pubertät sitzen lassen und von ihnen eigenen Ehrgeiz erwarten?
Das Leben ist kein Picknick.
„Ja, und was machst Du, wenn Dein Sohn eine Ausbildung anfängt oder studiert? Wirst Du ihm dann die Berichte schreiben oder bei den Seminararbeiten helfen?“, fragt mich eine Freundin. „Aber nein, nach der Schule ist er selbstverantwortlich“, entgegne ich nicht ganz so überzeugt, wie ich es gerne sein würde.
Es ist nicht immer leicht eine Position zu finden, wenn man die Kinder einerseits so gut verstehen kann und andererseits weiß, dass das Leben eben kein Picknick ist. Und für den Blödsinn, den wir veranstaltet haben, waren wir schließlich auch selbst verantwortlich.
Schule ist schließlich nicht alles, versuche ich mich zu beruhigen. „Wenn meine Kinder eine schlechte Note nach Hause bringen, ist mein Tag gelaufen“, gesteht eine gute Bekannte. Und trifft mit dieser Aussage in der Runde auf mehr Verständnis als auf Widerspruch.
Der nächste Mittwoch darf und wird kommen und schließlich ist es ja nur eine Halbjahresinformation und kein Halbjahreszeugnis wie in meiner Schulzeit.
Da gab es auch noch keine Zensuren wie 5+ oder 3-4. Da war eine 5 eine 5 und man hatte eine 3 oder eine 4 oder auch eine 1 oder eine 2.
“Siehst du”, sagte mein Sohn, “deshalb heißt es jetzt ja auch Information.”







Lieber Michael Müller,
ich kenne den Spot leider noch nicht – er hört sich aber wirklich schrecklich an.
Außerdem bin ich ganz Ihrer Meinung, dass man den Kindern ihre Kindheit lassen sollte.
Wir haben hier in Baden-Württemberg anders als bei Ihnen in Berlin immer noch das dreigliedrige Schulsystem.
Hinzu kommen eine verkorkste G8-Reform und das Dilemma mit der Werkrealschule.
Ginge es nach mir, würden die Kinder bis einschließlich der 7. Klasse zusammen lernen und die schwächeren Schüler von den leistungsstärkeren profitieren.
Außerdem wäre das auch sehr viel besser für den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Die frühe Trennung der Kinder führt dazu, dass es die Gruppe der Hauptschüler, der Realschüler und der Gymnasiasten gibt. Das führt nicht zu einem sozialen Miteinander, sondern trennt die Bevölkerung, was ich sehr schade finde.
Trotzdem muss ich Ihnen ein klein wenig widersprechen: Die Kinder lernen auch durch das Schulsystem den Weg ins erwachsene Leben. Leistungsbereitschaft gehört dazu und wer das frühzeitig lernt, kommt später besser zurecht.
Wenn unser System allerdings so blöd konstruiert ist, dass schon Grundschüler Nachhilfe bekommen müssen, dann sollte man wirklich nicht über scheinbar “dumme” Kinder nachdenken, dafür aber umso mehr über dumme Politiker.
Eines kann ich versprechen: Meine Kinder sind sehr selbstständig und lernen, ihren eigenen Kopf zu benutzen. Und sie werden ganz sicher keine Boni-Sklaven werden.
Ihre Gabi
P.S. Der Sohn möchte wahrscheinlich Geologe werden, dafür muss er halt in Mathe und Physik gut sein. Hilft halt nix. Die Tochter will Lehrerin werden – sie geht anscheinend gern zur Schule.
Im TV läuft derzeit ein Werbespot für Nachilfe, in dem die Noten groß und bedrohlich in der Wohnung herum stehen.
Schaut euch mal die Eltern in dem Spot genau an: die sind solche verhärmten, zombie-artigen Sklaven der Leistungs- und Statusgesellschaft, dass man am liebsten schreiend wegrennen möchte.
Also wenn ihr eure Kids zu willigen Sklaven heranziehen wollt, welche die Bonis der Banker erwirtschaften, dann müsst ihr ganz doll auf gute Noten achten, und nicht darauf, ob es den Kids gut geht und ob sie ihr Potenzial enfalten.