“Deutschland, entblättert” – ein journalistisches Glanzstück über den Niedergang derselben Branche
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Guten Tag!
Heddesheim, 01. Dezember 2009. Was die Journalistin Anita Blasberg in ihrem ZEIT-Artikel aufschreibt, ist ein Drama. Ganz ehrlich? Ich habe geheult, als ich den Text gelesen habe.
Sehr klar, sehr faktisch, ohne Übertreibung schreibt die Journalistin Blasberg auf, wie es dem Journalismus in Deutschland geht. Er ist ein Koma-Patient. Die Frage ist, wann die lebenserhaltenden Maßnahmen abgeschaltet werden. Die andere Frage ist, ob es ein Leben nach dem Tod gibt.
Kommentar: Hardy Prothmann
Ich habe seit langer Zeit keine treffendere Reportage, keinen analytischeren Bericht, kein mitreißenderes Feature gelesen, als das, was Anita Blasberg (Ko-Autor Götz Hamann) gerade in der ZEIT veröffentlicht hat. Ein großartiges Stück Journalismus. Aber eins, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Es geht nicht um 09/11, um den Irak oder den Iran, Korea, nicht um die Wirtschafts- oder die Finanzkrise, auch nicht um Opel oder VW und Porsche. Und schon gar nicht um die Banken.

Zeit-Dokument. Anita Blasberg über den kritischen Zustand des Journalismus in Deutschland. Bild: hblog
Es geht um mehr als all das. Es geht darum, wie und ob über all das berichtet wird.
Ich kenne diese Journalistin nicht. “Deutschland, entblättert” ist der erste Bericht, den ich bewusst unter ihrem Namen gelesen habe. Was die junge Frau (Jahrgang 1977) schreibt, ist vorbildlich recherchiert. Viele ihrer Fakten kenne ich. Ich habe sie selbst recherchiert und weiß, dass sie stimmen.
Frau Blasberg erzählt ihre Recherche lakonisch. Ganz einfach. Ohne Häme. So also würde Sie über irgendetwas ganz “Normales” berichten. Eine Vereinsfeier, eine Geschäftseröffnung oder -schließung oder die Ehrung verdienter Mitglieder eines Vereins.
Tatsächlich beschreibt Frau Blasberg eine Katastrophe, deren Auswirkungen sich nur wenige Menschen bewusst sind oder sein wollen.
Frau Blasberg schreibt über das Ende des Journalismus und bietet selbst besten Journalismus an.
Das ist absurd. Aber es ist trotzdem wahr.
Frau Blasbergs Text ist ein grandioses Stück Journalismus.
Aber es ist auch ein dramatischer Text. Das Drama hat einen paradoxen Journalismus zum Inhalt. Die Zuschauer sind Teil des Dramas. Die Frage ist, wie viele begreifen, inwieweit dieses Drama ihr eigenes werden wird oder schon ist.
Dieses Drama spielt aber vor allem auf der Bühne des Journalismus selbst. Und es liest sich wie eine Adaption von Luigi Pirandellos “sei personaggi in cerca di autore” (Sechs Personen suchen ihren Autor).
Frau Blasberg schreibt über eine Krise, die immens ist. Geradezu fundamental. Eine Krise, die aber nicht nur eine Branche trifft, sondern uns alle.
Unsere Demokratie. Unsere Freiheit. Unsere Wirtschaft. Unsere Politik. Unsere Verfassung.
Ich möchte der Kollegin zu diesem umwerfenden Stück von hervorragendem Journalismus einfach nur gratulieren.
Indem Sie die Krise der Medien so nachvollziehbar beschreiben, haben Sie ein Stück Zeitgeschichte dokumentiert.
Ihr Stück ist ein “Zeit”-Dokument. Keine “investigative” Recherche, kein “kreischendes Stück” Boulevard, kein “Aufreger der Woche”, keine “Statistik oder Umfrage”. Sondern einfach nur ein Stück brillant recherchierter Informationen, die analytisch hervorragend in einen langen, aber lesenswerten Artikel gegossen wurden, der zeigt, was Journalismus bis heute noch kann: Für Aufklärung sorgen.
Dieser Text hat mich persönlich angerührt. Ich habe tatsächlich geweint, weil viele Medien genannt werden und Kollegen, die ich kenne und mit denen und für die ich gearbeitet habe. Mit manchen habe ich mich auch “gezofft”. Und ich finde es “ungerecht”, dass alles so ist und kommt, wie es Frau Blasberg beschreibt – nämlich mindestens bedroht oder schon am Ende.
Mein persönlicher Grund der Betroffenheit ist: Ich bin Journalist aus Überzeugung. Und wenn Frau Blasberg ganz zutreffend einen “Bocksgesang” auf unsere Branche beschreibt – kocht in mir die Wut, die Verzweiflung und die Trauer, dass das, was einmal gut und wichtig war, im Sterben liegen soll. Oder liegt.
Andererseits: Genau deswegen mache ich das heddesheimblog.
Ich glaube an die wichtige Funktion eines professionellen Journalismus.
Und ich bin sicher, dass es genug Kollegen gibt, die auch in Zukunft dafür sorgen, dass die Menschen gut recherchierte Informationen erhalten.
Immer weniger über die gedruckte Zeitung, dafür aber immer mehr über das Internet oder andere elektronische Dienste.
Was Frau Blasberg beschreibt, erinnert mich an Heddesheim – auch, wenn es hier keine NPD gibt. Es erinnert mich an die Null-Recherche zum Thema “Pfenning” durch den Mannheimer Morgen, die RNZ oder die Weinheimer Nachrichten – über die journalistische Trostlosigkeit des RNF rege ich mich nicht auf. Aber über die des SWR, der schließlich gebührenfinanziert doch noch irgendetwas hergeben sollte.
Die Analogie ist: “Was muss, dass muss.” Feste, Vereine, Erfolg, Zufriedenheit – alles ist wie immer in diesen “etablierten” Medien. Die andere und sich selbst ein ums andere Mal bestätigen – garantiert frei von Recherche und noch garantierter frei von kritischen Bemerkungen. Denn dafür ist kein Platz – das will angeblich auch niemand. Denn das könnte ja jemanden “stören” oder “aufregen”.
Zustände wie in Anklam braucht kein Mensch.








Hallo zusammen,
ein beeindruckender und trauriger Bericht. Dass es inzwischen so schlimm steht, war mir bisher nicht bewusst. Traurig auch zu sehen, wie wenig dies den „Durschnittsbürger“ interessiert. Er/Sie lässt sich fast beliebig manipulieren und akzeptiert auch das schlechteste Niveau der Berichterstattung. Von wirklicher Recherche und kritischer Distanz kann ja oft leider keine Rede sein.
Auch unsere lokale Berichterstattung (RNZ, Weinheimer Nahrichten, Mannheimer Morgen) hat sich teilweise schon auf ein sehr niedriges Niveau begeben. Kritische Nachfrage und wirkliche Analaysen sind meist Fehlanzeige. Stattdessen werden die Entscheidungen von Bürgermeistern, Gemeinderäten, Politikern, sog. Honoratioren (die natürlich immer nur das Gemeinwohl im Auge haben) mehr oder weniger abgenickt; „alles wird gut“.
Was dann noch in Radio und Fernsehen an halbwegs sachlicher, interessanter und auch kritischer Berichterstattung übrig bleibt (z.B. ZDF, ARD, dritte Programme, Arte, SWR2-Radio, etc.) „erledigen“ unsere Politiker. Jüngstes Beispiel: Nichtverlängerung des Vertrages von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Da hat Ministerpräsident Koch aus Hessen (CDU) mal wieder seine Macht ausgespielt und auch gezeigt, wie wenig er von wirklicher Demokratie hält. Koch will nicht wahrhaben, dass Demokratie auch von Streit und Kritik lebt. Dieses Schmierentheater finanzieren die Bürger dann auch noch mit Radio- und Fernsehgebühren ! Wo bleibt der Aufschrei der Gebührenzahler? Der bleibt vielleicht auch deswegen aus, weil nicht wenige Mitbürger vor Fernsehgerät oder Radio angesichts des Niveaus der privaten Sender kritiklos vor sich hindämmern. Der „Erfolg“ dieser privaten Sender ist genauso traurig und unfassbar wie der im Artikel beschriebene Niedergang der unabhängigen und kritischen Presse.
Ich kann mich den Argumenten der anderen Kommentatoren zu diesem Artikel nur anschließen:
- „Ich wünsche mir mehr unbequeme Journalisten“.
- „Demokratie erfordert informierte Teilnahme. Wo diese nicht zu leisten ist, stirbt die Gesellschaft“
Dies gilt generell, aber speziell auch lokal, z.B. in Heidelberg , in Heddesheim, in Hirschberg, usw.
Globalisierung ist der Angriff des Geldes auf den europäischen Sozialstaat.
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Dieser Satz ist gut formuliert !
Die Profitgier frisst die Existenzen der Arbeitenden!
Durch Produktionsverlagerungen in Billiglohnländer werden hier im Land Arbeitsplätze vernichtet und Arbeitswillige in die Armut getrieben.
Zum Glück holen mittlerweile wieder Firmen die Produktionen ins Land zurück, weil die Qualität der im Ausland gefertigten Waren unserem Standard nicht entspricht.
Es ist beschämend wie sog. unabhängige (?) Zeitungen berichten.
Objektivität Fehlanzeige!
Kritisches Hinterfragen dito.
Der Politik oder den Großkonzernen nach dem Mund reden ist Übung.
Einmischung von nicht koscheren Politikernbei der Zusammensetzung von Fernsehredaktionen machen dort den Journalismus unglaubwürdig, weil dann vermutlich nur noch der Regierung in den Allerwertesten gekrochen wird.
Ich wünsche mir mehr unbequeme Journalisten.
Natürlich nicht solche die Qualitäten der “Blöd”zeitung besitzen!
Einen schönen guten Tag,
nun ja, nach der Lektüre Ihres Beitrages und dem Zeitartikel zugegeben eher eine Floskel.
Ich möchte hier ein kleines Rätsel stellen.
Wohin kommt man, wenn man das folgende zu Ende denkt, fühlt oder sich vorstellt?
Globalisierung ist der Angriff des Geldes auf den europäischen Sozialstaat.
Neoliberales Denken bedeutet, daß alles um des Gewinnes willen, die Wirtschaft, Kultur, Gesundheit und wie wir jetzt wissen auch der Journalismus dem erbarmungslosen Kalkül von Kosten und Nutzen unterworfen und überantwortet wird.
Ein Kalkül, das Renditen jenseits der Wirtschaftlichkeit verlangt.
Wir sind die Spitze, sind die Elite und unser Gott – er heißt Rendite.
Das neo-liberale Gift frißt sich unaufhaltsam durch die Seelen und die Hirne der Verantwortung. Eine Verantwortung für den Verfall des Gemeinwesens, der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft selbst, von der alles ausgeht. Wir leben in den Auswirkungen und halten sie bereits für normal.
Die anti-soziale Konzentration von Kapital in den Händen weniger, vor über 150 Jahren von Karl Marx bereits beschrieben, schafft enorme Machtfülle und Machtkonzentrationen in den Händen weniger, in den Zentralen der Konzerne dieser Welt, die weder demokratisch verfaßt sind, noch demokratisch kontrolliert werden können – oder wollen.
Demokratie erfordert informierte Teilnahme. Wo diese nicht zu leisten ist, stirbt die Gesellschaft.
Dennoch einen schönen Tag noch.